Wie ticken Investoren in USA vs. Europa?

Der Startup-Sprech ist stark vom Amerikanischen geprägt. Aus den USA kommen eben viele Einfluss-nehmende Ansätze des Entrepreneurships.

Allerdings greift jede Kultur Dinge anders auf und verändert sie im eigenen Kontext. Will heißen, US-Startups und -Investoren ticken anders als hiesige.

Ein wesentlicher Unterschied?

Vereinfacht würde ich die amerikanische und europäische Ausrichtungen bzw. die damit verbundenen jeweiligen Erwartungs-Haltungen dahingehend unterscheiden, welche Prioritäten sie schwerpunktmäßig ansetzen. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel!

Von deutschen und europäischen Investoren wird sehr stark das Geschäftsmodell und die Finanzierung in den Vordergrund gestellt.

Wer kennt als deutscher Gründer die fortwährend gestellt Frage nicht, „wie man denn damit Geld verdiene?“. Sogar bevor das Gegenüber die gesamte Story verstanden hat. Amerikanische Investoren und Unternehmer kümmert das meist erstmal weniger.

US Investoren und somit die meisten Startups setzen auf Product & Sales!

Aus meiner Sicht ist der US-Ansatz cleverer, weil weniger Angst-getrieben. Schließlich bedeutet jener: a) entwickle ein überragendes Produkt – nicht perfektionistisch (!) mit Featuritis, sondern schnell mit extremen aber einfachem Kundennutzen.

Dieses sollte b) dann mit aller Energie und in einem professionellen Sales-Prozess & -Team am Markt getestet werden. Umsatz ist dabei schön, aber nicht zwingend! Eine qualitative Lead-Pipeline darstellen zu können, die nicht unbedingt das Geschäftsmodell bestätigen muss, ist oft ausreichend. Die Sales-Fähigkeiten und Outbound-Potential des Teams stehen im Vordergrund. Das Geld-Verdienen ist also erstmal zweit- oder gar drittranging, wichtiger ist das Rausgehen-Wollen. Denn die Jahrezehnte-lange Erfahrung der Amerikaner zeigt: Product-Market-Fit und Umsatz folgen automatisch auf dem Fuße, wenn a) + b) passen. Dann steigt ein US Investor gern auch frühzeitig ein.

Wer grundsätzlich Kunden angehen und begeistern kann, dabei eine gewisse Vertriebs-Professionalität ausstrahlt, bekommt in den USA leichter Investoren-Geld, um damit das Geschäftsmodell zu finden oder weiterzuentwickeln.

Was bedeutet das nun für Dein deutsches Startup?

Falls Du nicht in die USA zum Gründen gehen möchtest, Dir aber deren Startup-Mentalität mehr zusagt, so zögere nicht, auch in Deutschland zuerst das Produkt, und zwar zügig mit einem starken Core-Value, intensiv in eine Sales-Execution einzubinden.

Manche Strategien sind einfach langfristig im Vorteil, auch wenn sie in bestimmten Kulturen erstmal kritisch beäugt werden und Startup erstmal schwerer ist.

Die US-Startup-Kultur ist noch deutlich überlegen!

Beispiel: Kick & Rush

Ein Beispiel: der ein oder andere Fußball-Fan erinnert sich vielleicht an den Kick- & Rush-Fußball der 80er & 90er in England. Die Insel-Clubs waren gerade auch wegen des spielerisch und taktisch banalen „Ball-nach-vorne-Dreschens“ Jahrzehnte im internationalen Fußball nahezu irrelevant. Das hat sich geändert! Mittlerweile ist die Premier League No.1 in der Welt! Die spielerische Kultur hat sich vom alten semi-erfolgreichen Modell abgewandt. Es gibt kein vorsintflutliches, auch von den Fans irrigerweise eingefordertes, Kick&Rush mit harter körperlicher Gangart mehr.

Machs wie die Amis!

Freilich werden viele deutsche Investoren Deinen American Way nicht gleich goutieren bzw. in alte Muster zurückfallen und ein robustes Geschäftsmodell von Dir einfordern. Es braucht eben einen Kultur-Wandel, den viele noch nicht vollzogen haben. Solange springt der Staat notgedrungen mit Steuergeldern ein, um frühphasige Gründungen zu unterstützen. Mit Fördergeldern, Coaching-Angeboten, Gründerzentren, etc.

Für viele Investoren brauchst Du erst ein klares Geschäftsmodell mit gutem Revenue als Beweis, bevor sie finanziell einsteigen. Das ist auch der Grund, warum sich mancher Geldgeber hierzulande so lange bitten lässt. Mut ist nicht immer ihre Sache, viele brauchen ihr heiliges Businessmodell als Schein-Sicherheit – die es aber nie geben wird!

Ich verurteile das nicht! Wäre ich selbst Investor, müsste ich auch erstmal aus meiner kulturellen Prägung ausbrechen. D.h. das deutsche Sicherheits-Bedürfnis hintenanstellen bzw. Resilienz-Methoden für mehr Mut als Investor erlernen auf aufbauen.

Bestimme Startups haben es aber aus diesem Grund in Europa einfach schwerer, weil das Geschäftsmodell oft viel, viel später entwickelt werden kann. Beispielsweise wenn es zuerst um User-Wachstum geht, bevor man damit Geld verdient, hat man einen schlechten Stand.

Google hat das geniale Adwords-System Jahre später von einer Firma mit viel Geld gekauft! Also nicht mal selbst erfunden. Facebook verdiente (absichtlich, um das Wachstum nicht zu gefährden) gar kein Geld, bis das Social Netzwerk explodiert ist. Die Liste ließe sich unendlich weiterentwickeln – nur sind keine europäischen, schon gar keine deutschen Startups dabei! Warum wohl?

Erfahrende und fähige Investoren können wie gute Eltern sein. Die gibt es auch in Deutschland. Suche diese!

Denn der Geschäftsmodell-Pivot gehört zum Startup dazu wie die Pubertät bei Jugendlichen. Es ändert sich vieles bis alles. Gut wenn man vorher (!) kompetente und offene Eltern hat, die einen verstehen wollen und jederzeit in schwierigen Phasen supporten – nicht erst, wenn alles gut gegangen ist.

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